Manchmal passt eine Rückmeldung nicht zu dem Bild, das du von dir selbst hast. Jemand schätzt einen Beitrag von dir, den du selbst kaum der Rede wert findest. Oder dir gelingt etwas, das du dir bisher nicht zugetraut hast. Solche Momente können ein Anlass sein, dein Selbstbild zu hinterfragen.
Wie gehst du damit um? Lässt du diese Erfahrung in dein Bild von dir einfließen? Und woran machst du fest, welche Bedeutung sie für dich hat?
Das Selbstbild hinterfragen: Beobachtung oder Urteil?
Ein Beispiel: „Ich habe in diesem Gespräch wenig gesagt“ beschreibt zunächst etwas anderes als „Ich habe nichts beizutragen“.
Beim ersten Satz kann ich genauer hinschauen: Was war das für ein Gespräch? Habe ich zugehört? War ich unsicher? Hatte ich zu diesem Thema etwas zu sagen? Der zweite Satz enthält bereits ein Urteil über die eigene Person. Darin verschwinden die Unterschiede zwischen einzelnen Situationen.
Mich interessiert dieser Übergang. Der Moment, in dem aus etwas, das ich getan oder unterlassen habe, eine Erklärung dafür wird, wer ich bin.
Solche Erklärungen können sehr vertraut klingen. „Das kann ich eben nicht.“ „Ich muss das allein schaffen.“ „Ich bin halt so.“ Wenn ich einen solchen Satz über mich sage, lohnt sich für mich die Frage, welche Erfahrungen darin überhaupt noch Platz haben.
Eine andere Rückmeldung stehen lassen
Wenn jemand etwas anders einschätzt als ich, muss ich seine Rückmeldung nicht zur endgültigen Wahrheit über mich erklären. Ich kann sie zunächst als eine zusätzliche Sicht auf eine konkrete Situation betrachten.
Was hat der andere wahrgenommen? Was habe ich selbst gesehen? Worauf beziehen sich unsere Einschätzungen überhaupt?
Genau dort wird ein anderer Blick für mich interessant. Ich kann meine eigene Einschätzung prüfen, ohne sie sofort durch die Meinung eines anderen zu ersetzen. Vielleicht erkenne ich etwas, das ich übersehen habe. Vielleicht bleiben Unterschiede bestehen. Dann kann ich genauer fragen, statt vorschnell zu entscheiden, wer recht hat.
Was aus einer Erkenntnis werden kann
In meinen Texten komme ich immer wieder auf Selbstbeobachtung zurück. Dabei geht es mir auch darum, mit neuen Erfahrungen etwas anzufangen.
Ich mache eine Erfahrung, denke darüber nach und erkenne möglicherweise etwas an mir, das mir bisher nicht aufgefallen ist. Danach stellt sich die Frage, wie ich damit umgehen möchte. Was ich tue, führt wiederum zu Erfahrungen, die ich anschauen kann.

Das muss nicht jedes Mal bedeuten, dass ich mein Verhalten ändere. Vielleicht entscheide ich mich nach dem Hinschauen dafür, etwas beizubehalten. Interessant ist für mich, ob ich tatsächlich gewählt habe – oder ob meine vertraute Erklärung die Entscheidung schon vorweggenommen hat.
Das eigene Selbstbild im Alltag hinterfragen
Du kannst dir eine konkrete Situation vornehmen: ein Gespräch, eine Rückmeldung oder etwas, das anders gelaufen ist, als du erwartet hattest.
Was ist passiert? Was hast du daraus über dich geschlossen? Und welche Beobachtung passt vielleicht nicht zu diesem Schluss?
Du brauchst daraus nicht sofort ein neues Selbstbild zu bauen. Manchmal ist schon etwas gewonnen, wenn ein vertrauter Satz über dich wieder zu einer Frage werden darf.
Mehr zu meinen Gedanken über die eigene Sicht auf sich findest du im Beitrag Selbstbild verstehen und formen.




